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Diese Hattingerin verpasst jedem Sitz den Wunschbezug

Bernadette Brill hat eine Auto- und Bootssattlerei an der Beuler Höhe. Hier ummantelt die 41-Jährige gerade eine Motorradsitzbank, individuell wird diese an den Po des Fahrers angepasst.

Foto: Fischer

Bernadette Brill hat eine Auto- und Bootssattlerei an der Beuler Höhe. Hier ummantelt die 41-Jährige gerade eine Motorradsitzbank, individuell wird diese an den Po des Fahrers angepasst.

Extrawünsche erfüllt Bernadette Brill (41) gern. Das ist ihr Job. Den sie liebt – aber eigentlich nur durch Zufall ergriffen hat. Sie ist selbstständig mit einer Autosattlerei.

Sie näht für Autositze und Fitnessbänke Bezüge, passt Motorradsitze individuell an den Po des Fahrers an. Sie verpasst Schiffen Verdecke und Polster, näht Persenninge, also wasserfeste Abdeckungen und Schutzbezüge. Sie nimmt sich der Reparatur von Oldtimern an, bezieht Küchenstühle und in kniffliger Handarbeit Lenkräder neu. Oder sie repariert auf einer Singer-Schuster-Nähmaschine ein Portemonnaie. Doch bis dahin war es ein ungewöhnlicher beruflicher Weg.

Jedes Stück ist eine Einzelanfertigung

Als sie mit 18 Jahren von daheim auszog, suchte sie einen Job. „Ich hörte dann, dass die Rheinbahn in Düsseldorf Fahrzeugpolsterer ausbilden wollte. Ich bin mit meinem Fachabi genommen worden.“ Schon nach drei Monaten merkte sie: Diese Arbeit beherrscht sie sehr gut. Nach der Ausbildung aber „gab es erst mal keine Übernahme, da habe ich als Schaffnerin gearbeitet.“ Aber es zog sie zurück zur Sattlerei.

Für eine englische Firma entwickelte sie Bezüge für Opel, Ford, Rolls Royce. „Ich habe die Schablonen gemacht. Das war spannend. Aber ich war immer unterwegs, am Ende nur noch am Wochenende daheim. Das wollte ich nicht mehr. Ich war danach bei der damals größten Bootssattlerei in Bochum.“

Mit viel Energie dafür gekämpft, sich zu behaupten

Vor neun Jahren fiel die Entscheidung für die Selbstständigkeit. Erst in Bochum, anschließend in ihrer Wahlheimat Hattingen. Mit viel Energie hat sie dafür gekämpft, sich mit ihrem Unternehmen zu behaupten. Inzwischen kommen viele Stammkunden, die sie intensiv berät. Das ist ihr wichtig. Dafür arbeitet sie aber auch sieben Tage die Woche oft zwölf Stunden täglich.

Welche Aufträge gerade anliegen, das vermerkt sie auf einem Flip-Board in der Werkstatt, die eine deutliche Frauenhandschrift trägt. Hier ist eine Wand türkis – die Farbe, die Bernadette Brills Markenzeichen geworden ist. Dort hängt ein altes Surfsegel unter der Decke.

Zum Musternehmen fährt sie bis in die Niederlande

Können Schiffe zum Musternehmen für Polster und Verdecke nicht zu ihr kommen – nicht selten stehen welche neben der Werkstatt – dann fährt sie zu ihnen raus. Auch bis in die Niederlande. Jedes Stück, das ihre etwa 100 Quadratmeter große Werkstatt an der Beuler Höhe verlässt, ist eine Einzelanfertigung.

Stillstand ist das Ding von Bernadette Brill nicht. Kürzlich erst hat sie damit begonnen, Arbeitskleidung zu besticken – und Sitzbezüge. Gern haben Kunden auf Abdeckungen den Namen ihres Schiffes. Auch Motorradfahrer mögen’s bei Sitzen individuell. Sogar ein Hundehalsband hat die zweifache Hundehalterin für einen Kunden schon mit dem Namen des Vierbeiners versehen. Viel Herzblut steckt die ehemalige Ape-Fahrerin auch in die Fertigung von Seitenteilen für die Ape Calessino. Die kreative Unternehmerin arbeitet inzwischen auch mit der Firma Scheffler Mobilität zusammen, die Fahrzeuge für Menschen mit Einschränkungen umbaut.

Einen ­3-D-Drucker zugelegt

Und sie hat sich kürzlich einen ­3-D-Drucker zugelegt. „Damit kann ich bei Youngtimern etwa Abdeckungen, die man nicht mehr bekommt, nachdrucken.“ Auch eine Beleuchtungsvorrichtung für einen Rollstuhl hat sie so bereits gefertigt. „Ich habe einfach Spaß daran.“

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Bernadette Brill fertigt vieles, probiert vieles aus. Nur Cabrio-Verdecke, die bekommt man bei ihr nicht. „Ich sage immer, Schuster bleib’ bei Deinem Leisten. Darauf bin ich nicht spezialisiert.“

Auch ihre Homepage hat Bernadette Brill selbst gemacht: www.sattlerei-brill.de

Für ihre Stickarbeit hat sie
eine eigene Internetseite: www.stickerei-brill.de“

Artikel aus der WAZ 15.05.2018